
Ludwig-Börne-Preis: Verläuft Geschichte linear?
Ludwig-Börne-Preis : Verläuft Geschichte linear? Von Patrick Bahners 11.05.2026, 10:34Lesezeit: 3 Min. Über den Völkerfrühling der Revolution von 1848 schrieb er ein dickes Buch, nun stand er am Rednerpult der...
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Wichtige Entwicklungen prägen das Weltgeschehen. Ludwig-Börne-Preis : Verläuft Geschichte linear? Von Patrick Bahners 11. 2026, 10:34Lesezeit: 3 Min.
Über den Völkerfrühling der Revolution von 1848 schrieb er ein dickes Buch, nun stand er am Rednerpult der Frankfurter Paulskirche: Christopher Clark, Königlicher Professor für Geschichte der Universität Cambridge. Helmut Fricke / dpaChristopher Clark nimmt in der Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis entgegen. Er lobt an Börne den feuilletonistischen Sinn fürs Nicht-Lineare, was nicht als Kritik an Bundespräsident Steinmeier gemeint ist.
Die Einzelheiten
Zusammenfassung Anhören Merken Teilen Verschenken Drucken Zur App Reden und Aufsätze zur Deutung der Zeit, die wir erleben, beginnen oft mit einem Verweis auf einen Text aus dem Jahr 1989, dessen Titel zum geflügelten Wort geworden ist, den Essay des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama über das „Ende der Geschichte“, dem kurz darauf ein Buch mit demselben Titel folgte. Man zitiert Fukuyama, um ihn als widerlegt hinzustellen, was nicht näher begründet werden muss. Der Verweis wie sein Verständnis setzen keine Lektüre voraus.
Fukuyama, der tapfer weiter publiziert und in der Tat soeben wieder ein neues Buch angekündigt hat, ist im Fundus literarischer Referenzen für Festredner der kuriose Fall eines Antiklassikers, der gegenwärtig bleibt, weil seine Ansichten den Test der Zeit nicht bestanden haben. In der Rede, die der Historiker Christopher Clark gestern in der Frankfurter Paulskirche zum Dank für den Ludwig-Börne-Preis hielt, kam der Hinweis auf Fukuyama am Schluss. Die Rede lief also auf das „Ende der Geschichte“ zu, allerdings nicht nach dem Schema einer Teleologie.
Eher handelte es sich um eine Abzweigung, die das Publikum überraschen konnte, weil der Redner über die längste Zeit nichts zu unserer Gegenwart und deren unmittelbarer Vorgeschichte gesagt hatte. Wenn Ludwig Börnes Epoche, wie Clark ausgeführt hatte, durch die Erfahrung bestimmt war, dass die Befreiung Europas von Napoleon eine neue Unfreiheit heraufführte, aber auch Versuche, mit den Trümmern der revolutionären Weltordnung etwas ganz anderes anzufangen, dann kann, so der Schlussgedanke, man vielleicht auch den welthistorischen Moment von 1989 als turbulenten Anfang einer neuen Geschichte betrachten. Gelegenheitsliteratur im höheren SinneFukuyamas Essay nannte Clark unvergessen, den Verfasser eloquent – er schlug ihn also den Rhetorikern zu, was nicht als Abwertung, sondern als Leseempfehlung zu verstehen war.
Denn die gesamte Rede war ein Kommentar zu Zitaten aus mehr oder weniger vergessenen Texten, die auf Wirkung bei den Zeitgenossen zielten, weil sie der Auseinandersetzung mit der Zeit dienen wollten, in modernen, das heißt nachrevolutionären Gattungen. Man kann von einer Gelegenheitsliteratur im höheren Sinne sprechen, die sich für die Verwicklungen der Chancen und Risiken der gegebenen Stunde interessiert.
Die Entwicklung hat international große Aufmerksamkeit erregt; diplomatische Kreise verfolgen sie genau.




